Rebel Clown Weeks

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Spectacular ESCapades

Der Moment war magisch, als nach monatelanger Vorbereitung reale Menschen bei unserer Unterkunft ein wenig ausserhalb von Wien auftauchten, mit denen wir bisher nur virtuell Kontakt hatten. Ursprünglich als Einstiegsworkshop ins Rebel-Clowning konzipiert, kam hier eine wilde Mischung aus Menschen und Erfahrungslevels zusammen (von noch nie ausprobiert bis Profis): Tänzer*innen, Aktivist*innen, Puppenspieler*innen, Clowns, Theaterschauspieler*innen, …. Alle mit Neugier, aber auch Unsicherheiten, was wir in dieser Woche gemeinsam kreieren werden.

So begann im Mai 2026 Spectacular ESCapades: Ein einwöchiges Rebel Clown Labor in Wien, das wir vom Clownlabor Schweiz gemeinsam mit dem Theater der Unterdrückten Wien (TdU Wien) organisiert haben. Vom 10. bis 17. Mai trafen sich 28 Menschen, um sich mit Rebel Clowning als politischer Praxis auseinanderzusetzen und gemeinsam zu erforschen, was Clownerie mit Demokratie, Nationalismus, Showbusiness und öffentlichem Raum zu tun haben kann. Am Ende der Woche sollte aus dieser gemeinsamen Recherche eine öffentliche Performance während des Eurovision Song Contest entstehen.

Bisher hatten wir bei einwöchigen Workshops zumindest teilweise mit externen Workshopleitenden wie Hilary Ramsden und Robyn Hambrook zusammengearbeitet. Dieses mal wollten wir alles selber machen. Entsprechend war die Nervosität aber auch die Freude riesig, als wir begannen, die ersten kennenlern-Spiele anzuleiten. Lange ausgedachte und im Kopf durchgespielte Programmblöcke und Ideen, die bis dahin digital, auf Papier oder in unseren Köpfen existierten, werden plötzlich lebendig. Sie passieren wie geplant – oder ein wenig anders. Oder ganz anders. Füllen sich mit Menschen, Spielen, Körpern, Interkationen, werden zu realen Erfahrungen. Doch wie werden sich die Teilnehmenden mit der Struktur, die wir vorbereitet haben, fühlen? Welche Bedürfnisse können wir abholen, welche nicht? Welche schwierigen Dynamiken entwickeln sich, wann werden Konflikte auftauchen?

Safer Space

Bei Workshops dieser Art ist der gemeinsam gelebte Alltag und der Umgang mit Konflikten als Gruppe mindestens so wichtig, wie die Inhalte und die öffentlichen Perfomances. Die Chance dieses Formates ist es, patriarchale sowie andere gesellschaftliche Machtdynamiken anhand vom gelebten Alltag und Workshop sichtbar zu machen, zu reflektieren und dadurch weniger zu reproduzieren: Durch einen Ämtliplan wird zumindest ein Teil der Care-Arbeit sichtbarer und auf alle aufgeteilt. Anhand von Bühnen-Improvisationen kann reflektiert werden, wer wie viel Raum einnimmt, sich immer zuerst meldet, oder nicht…

Ein Element, das jedoch oft vergessen geht, ist der Mut, Fehler zu machen, und daran zu lernen (Darin sind wir als Clowns Expert*innen). Als Teil einer diskriminierenden Gesellschaft werden wir Fehler machen, und es geht nicht darum, diese möglichst zu verstecken, sondern uns damit zu zeigen. Damit werden Dinge verhandelbar. Die Grundlage einer demokratischen Gesellschaft. Damit Menschen aber den Mut haben, sich mit ihren Fehlern und Imperfektionen zu zeigen, braucht es zuerst ein Gefühl von Sicherheit. Deshalb war es uns sehr wichtig, zu Beginn einen Schwerpunkt auf das etablieren eines Safer Spaces (eines sichereren Raumes) zu legen. Die Elemente, die wir dazu nutzten:

  • Etablieren eines Buddy-Systems (Duos, die jeden Tag eine halbe Stunde Zeit haben, sich auszutauschen, wie es ihnen geht
  • Tägliche körperliche Check-in Runden in der Mensch bei sich einchecken kann, wie es einem gerade geht durch Mittel von Eintanzen, Bodyscans und Statuen
  • Tägliche verbale Check-out Runden in der ganzen Gruppe (Um Bedürfnisse abzuholen, die von allen gehört werden müssen)
  • Eine Insel mit Kissen und Decken im Workshopraum, um sich bei Überforderung mit einer Übung rausnehmen zu können, und trotzdem Teil des Raumes zu bleiben.
  • Ein Silent Room, der immer benutzt werden kann, um sich zurückzuziehen, in dem jedoch keine Interaktionen oder Gespräche erlaubt sind.
  • Einen 3h Workshop-Block, der spielerisch die Bedürfnisse, Kapazitäten und Grenzen der Teilnehmenden abholt und so einen Rahmen für die ganze Woche etabliert.
  • Eine Umfrage einen Monat vor Workshopstart, um abzuholen, was die Teilnehmenden brauchen, um sich sicher und wohl zu fühlen.

Auf dieser Basis nahm der Workshop seinen lauf. Wir arbeiteten an technischen Grundlagen der Clownerie und von Bouffon, etablierten gemeinsame Spiele, eine gemeinsame Bewegungssprache, tanzten jeden Morgen wild und komisch, um unsere Gesichter lachen zu sehen und unsere Körper aufzuwärmen, tauchten in theoretische Auseinandersetzungen zum ESC, Queerness, Nationalismus, Demokratie und Eyeshadow-Farben, beobachteten im öffentlichen Raum rund um den ESC, welche impliziten Regeln hier gelten, wer willkommen ist, und wer nicht, und was an diesem Ort als „normales“ Verhalten angesehen wird. Bis der Tag der ersten öffentlichen Performance kam:

Die erste Performance, oder United by…

Wir entschieden uns, die erste Performance am 14.05.26 als ganze Gruppe zu machen, da dies mehr Struktur und Sicherheit auch für alle frisch-geborenen Clowns bot. Der ESC hat als Logo ein rosa-violettes Herz und den Slogan „United by Music“. Was bietet sich da besser an, als die Technik „Clown-Heart“? Eine Clown-Choreographie, bei der die individuellen Clowns sehr nahe beieinander sind, einen Teil ihrer Individualität aufgeben und zu einem Organismus, einem schlagenden Herzen verschmelzen. Verbunden – United. Aber wodurch verbunden? Durch Musik, sagt der ESC. Nicht nur, sagen wir. Die Clowns trugen alle Kostümelemente in den ESC Farben, zudem reale sowie erfundene Flaggen sowohl in den Händen als auch aufs Gesicht geschminkt. Unschuldig zog das Clownsheart vor dem ESC-Village umher, Menschen blieben stehen, filmten, schauten zu, interagierten… Sind das Fans? Was machen sie hier? Plötzlich kommt ein übertrieben grosses aufgeblasenes Maschinengewehr zum Vorschein und wird als Mikrophon benutzt. United by weapons? Ein grosses Karton-ESC Herz wird kurz umgedreht. Auf der Rückseite steht: United by Genocide.? Das Clownheart singt „ceeelebration“. Aber was wird hier am ESC eigentlich gefeiert?

Der zweite Performance-Tag war nur zwei Tage später. Dies in Kombination mit der Mitte der Woche und der Weiterarbeit in Kleingruppen führte zu einigen Unsicherheiten, Konflikten und Stress. Wer will was mit wem performen am nächsten Tag? Hatten wir uns zu viel vorgenommen? Was wirklich half, war, den Druck rauszunehmen. „Wir haben schon eine tolle Performance gemacht, es muss eigentlich gar nichts mehr passieren, es ist schon so eine gelungene Woche“. Dies führte jedoch dazu, dass sehr viel passierte:

Die zweite Performance am 16.05.2026, oder It‘s a trap

Die Gruppe entschied, auch die zweite Performance alle zusammen zu beginnen, um sich dann in die kleineren Gruppen aufzuteilen. Am Abend des ESC-Finals tauchten also über 20 Clowns vor der Stadthalle, dem Durchführungsort des ESC auf. Es dauerte keine 30 Sekunden und die Gruppe war umrundet von 15 Journis mit Fernsehkameras, 10 Journis mit Fotokamera und Notitzblock und ein riesen Trubel Fans mit oder ohne filmendes Handy. Nun, was tun in so einer Situation? Vertrauen, Mut, Kühnheit, halfen genau so weiter wie geübte Spiele und Improvisationen. Eine Person hatte im Vorfeld den Song, mit dem das Gastgeber Land Österreich angetreten ist, offiziellen  österreichischen ESC Song umgeschrieben und mitsamt Choreo der Gruppe beigebracht. Anstatt „du brauchst einen Tanzschein…“ wurde hier vor allen gesungen: „Du brauchst einen Waffenschein, sonst kommst du nicht rein“. Zum Schluss starben alle Clowns dramatisch vor laufenden Kameras. Nach diesem Auftritt wurden wir mit Interview-Anfragen überhäuft, Reuters veröffentlichte unsere Bilder und es gab Berichte über uns in Japan und Australien.

Schließlich ging die Performance in drei Gruppen weiter

Eine Gruppe nannte sich super-Fans und sahen super-unschuldig und super-nationalistisch aus. Das Performte Stück hieß „the selfie Trap“. Alle möglichen Menschen fragten nach Selfies oder wurden von der Gruppe eingeladen, ein Selfie zu machen mit ihnen. Immer exakt im Moment des Fotos drehten die Clowns Karton-Herzen um, auf deren Rückseite Dinge standen wie united by borders / united by weapons / united by money.

Eine weitere Gruppe war inspiriert von der Arbeit von Police Officer Az‘Oulay (mehr dazu hier) und entschiede sich zum Israeli-Fan Café zu gehen mit einem großen ESC Herz. Ziel war es, eine Brücke zu schlagen, Dialog und Diskussion zu finden zu dem Thema Boykott Israel an dem ESC durch die liebevolle und unschuldige Clownsfigur. Dieser Versuch wurde leider nach 5 min abgebrochen als die Polizei auftauchte. Diese Erfahrung öffnete viele Fragen, so wie Clowning nicht als Provokation sondern als Diskussionseröffnende Methode praktiziert werden kann…

In einer dritte Gruppe waren die Moderator*innen des ESCs sehr fleißig unterwegs, mischten sich unter die anderen Jounalist*innen mit Kameras,  und interviewten zahlreiche Menschen. Mit ihren journalistischen Ausweisen „ESC-Komitee, united by genocide“ sicherten die Clowns ihren verdienten Platz inmitten der höhle der Kameras. Einige Elemente waren wichtig für diese Aktion: Erstens haben die Clowns buffonish gespielt mit der doch fast übertriebenen und faken Begeisterung der Moderator*innen des ESC Events. Zweitens haben sie ESC-Fans gefragt ob sie unpolitisch genug sein um das Event zu besuchen. Dabei sind interessante Interviews enstanden. Diese Interviews hatten die Regel (auch extra nochmal auf ein Plakat geschrieben), das das erwähnen von Genozid oder Paleästina stregenstens verboten ist. Merkwürdig war, das die Ergebnisse der Interviews war, dass alles an diesem Event politisch ist. Die Clowns wünschten die Fans am Ende des Interviews eine schöne, unpolitische Show, an dem mal nicht an den Genozid in Palästina gedacht werden muss – ups, und damit haben die doch wieder die Aufmerksamkeit auf den anhaltenden Genozid gelenkt.

Produktion & künstlerische Leitung: Kiara Gezels

How to be a Patridiot

And then, the Rebel Clowns met once again this year. This time to celebrate the Swiss national holiday on the 1st of August.

https://www.robynhambrook.com/clowning–activism-blog/this-is-such-a-nice-town

https://www.walksquawk.org/news/transgressing-social-boundaries-creating-everyday-utopias