Geschichte

Der Verein wird im Jahr 2003 von Birgit Fritz gegründet. Von 2003 bis 2005 kommt es zu einer intensiven Zusammenarbeit zwischen dem TdU-Wien und verschiedenen Gebietsbetreuungen in Wien: Im 16. Wiener Gemeindebezirk gibt es drei Forumtheater-Aufführungen im Sandleitenhof und in der Koppstraße, im 3. Bezirk eine im Waldbrunnerhof. Eine weitere findet im Sigmund-Freud-Hof im 8. Bezirk statt. Die Stücke handeln von Konflikten zwischen Jung und Alt, zwischen den so genannten Alt- und Neo-ÖsterreicherInnen, dem Umgang mit dem Müll, Vandalismus, den ‚Hundstrümmerln’ und der Verantwortungsübernahme für eine gemeinsame Hofgestaltung. Im 16. Bezirk kommt es zu zwei weiteren Projekten: dem Projekt „Erinnerungstheater“ gemeinsam mit der Kooperativen Mittelschule Koppstraße 110 und dem Projekt Fleminghof, an dem mehrere städtische Einrichtungen beteiligt sind (Kinderfreunde, Back on Stage, Wiener Wohnen u.a.).

2005 folgt das transkulturelle Performance-Projekt „Twin Vision“, einer alpenländisch-afrikanischen Koproduktion mit über 20 Performer_innen aus Nigeria, Österreich, Italien, Äthiopien und Liberia, bei dem vor allem mit Körper, Rhythmus, Wort und Klang gearbeitet wird (Aufführungen im „Theater des Augenblicks“). Im Jahr 2006 wird die gemeinsame Arbeit mit einer Inszenierung von Augusto Boals „Mit der Faust ins offene Messer“ fortgesetzt. Die Aufführung handelt von sechs Menschen, die, immer auf der Flucht, ständig der Willkür anderer ausgesetzt sind, sechs Menschen auf der Suche nach einer Heimat, einem Ort, an dem sie sie selbst sein dürfen.

2006 tritt die Theatergruppe des TdU Wien beim Muktadhara Festival in Kolkata (Indien) auf, bei dem eine generationenübergreifende Performance von Frauen gezeigt wird. Außerdem beginnt die Gruppe Theaterlabors in Wien anzubieten, die auch in den folgenden Jahren erfolgreich fortgesetzt werden.

2007 ist ein Jahr der internationalen Vernetzung: U.a. gibt es einen Workshop bei Gernika Gogoratuz, dem Friedensforschungszentrum im Baskenland, gemeinsam mit den international renommierten Regisseuren Iwan Brioc und Chen Alon. Der Gründer und Regisseur der indischen Theaterbewegung Jana Sanskriti, Sanjoy Ganguly kommt im selben Jahr das erste Mal nach Wien. Außerdem geben Mitglieder des TdU Wien einen Workshop bei der kyrgyzsischen Konferenz mit dem Thema „the multitude of Theatre of the Oppressed techniques: from theory to practice“

2008 schafft das TdU Wien zwei Höhepunkte der bisherigen Arbeit: Einerseits organisierte es den Besuch von Augusto Boal, dem Gründer des Theaters der Unterdrückten sowie ein Living Theatre Workshop mit Maria Nora, andererseits entsteht in einer einwöchigen Residency auf dem Vinkl-Hof in Kärnten das „Labyrinth der getanen Arbeit“, unter der Leitung von Iwan Brioc.

2009 wird die erfolgreiche Arbeit, Workshops mit internationalen Praktizierenden zu organisieren, fortgesetzt, als im März der kolumbianische Theatermacher und Aktivist eine Masterclass zu Theater in traumatisch geprägten Räumen gibt. Eine weitere einwöchige Residency mit Carlos Zatizabal mündet in der Performance Creacion Collectiva. Im Juli 2009 reist eine Delegation des TdU Wien zur International Theatre of the Oppressed Conference, was den Stellenwert des Vereins im internationalen Vergleich zeigt. Fokus hier ist die untergeordnete Rolle von Frauen als Theatermacherinnen innerhalb des politischen Theaters.Anlässlich des Weltforumtheater-Festivals 2009 in Österreich heißen Alegria – TdU Kärnten und das TdU Wien im Oktober gemeinsam zu einem Fest der Begegnung willkommen und öffnen den Raum für Vielfalt in Solidarität mit der indischen Theatergruppe Jana Sanskriti, mit der beide Gruppen seit Jahren tief verbunden sind.

2010 mündet das langjährige internationale Engagement zur Vernetzung mit anderen Theatermacher_innen schließlich in zwei großen europäischen künstlerischen Kooperationsprojekten: „Moments, Places, Journeys“ ist ein 2-jähriges Kooperationsprojekt zur Erwachsenenbildung mit Partnerorganisationen aus Frankreich, Wales, Portugal und unseren lokalen Partnern von „DanceAbility“. „ARTiculating Values“ (in Zusammenarbeit mit dem Interkulturellen Zentrum) versucht auf kreative Weise mit Werten umzugehen. Unter anderem wird Ende April eine Aufführung nach den Methoden Boals inszeniert, die dafür sorgt, sich von einfachen Lösungen von Rechtspopulist_innen zu verabschieden und Unwissenheit über „die Anderen“ abzubauen. Das Projekt wird u.a. vom österreichischen Ministerium für Bildung, Kunst und Kultur und dem Außenministerium mitfinanziert. Jugendliche und Organisationen aus Österreich, Dänemark, Ungarn, Israel, Jordanien, Libanon, den Niederlanden und der Türkei nehmen daran teil.

2011 kündigt sich ein Wandel im TdU Wien an: Mit der Gründung einer LGBTIQ- Theatergruppe wandelt sich die Arbeit von einer projektbasierten hin zu einer langfristigen Arbeit mit kontinuierlichen Gruppen. Ziel ist u.a. Abbau von Homophobie und Vorurteilen gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgenderpersonen. 2012 erarbeitet die neue LGBTIQ- Gruppe u.a. Performances zur sexistischen und konsumüberladenen Darstellung von Frauen in der Weihnachtszeit, Titel „Christkindlmarkt- Crashing“. In den Folgejahren erarbeitet das Kollektiv u.a. eine Performance mit einem öffentlichen homosexuellen Heiratsantrag, um auf die fehlende Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften aufmerksam zu machen. Aber auch große Projekte sind 2011 weiter Teil der Aktivitäten: Mit der vom europäischen Programm Jugend in Aktion unterstützten Kampagne „Valid“, die bis 2013 jedes Jahr wiederholt wird, setzt sich das TdU Wien gemeinsam mit der Tanzgruppe DanceAbility für die Umbenennung der Invalidenstraße, im dritten Bezirk in Wien, ein.
Gleichzeitig mit der Arbeit der LGBTIQ-Gruppe, aber auch resultierend aus der stärker werdenden feministischen Schwerpunktsetzung beginnt 2011 die Arbeit in Madalena-Laboratorien, Theaterlabors nur für Frauen, die bis 2013 jährlich fortgesetzt und von der brasilianischen Botschaft in Wien unterstützt werden. Aus dieser Arbeit entstand 2012 die performative Arbeit „Heavy Message- A Play in Fractals“, die von März bis Juni mehrmals (u.a. beim Forumtheaterfestival Slowenien) aufgeführt wurde. Die Schauspielerinnen beginnen ihr Stück mit „Central Europe – Middleclass – White – Female“ und reflektieren darin physische und psychische Unterdrückungen von Frauen im 21. Jahrhundert, aber auch ihre eigenen Privilegien.

2013 organisiert das TdU Wien, wiederum unterstützt durch das EU-Programm Jugend in Aktion, das TdU-Festival „diversi.TO“, bei dem Gruppen aus mehreren europäischen Ländern ihre Arbeiten im WUK zeigen.
Außerdem gründet sich eine weitere Theatergruppe unter dem Dach des TdU Wien, „Das ReflActiv“, mit dem wieder stärker antirassistische Themenstellungen bearbeitet werden. Es gibt u.a. Produktionen und Auftritte zum Wiener Burschenschafterball (heute: Akademikerball, 2013), zur kollektiven Erinnerung der NS-Geschichte (2014), zum Umgang von Privilegierten mit Bettler_innen („Betteln in Wien“, 2015), Rassismus in der Flüchtlingshilfe („Das ist doch gut für dich“, 2016), einer Performance zu Grenzen („Österreich ist dicht“, 2016) am Museumsquartier, mit Auftritten im WUK, im öffentlichen Raum, aber auch bei akademischen bzw. sozialarbeiterischen Konferenzen.

Im Juni 2014 organisiert das Team des TdU Wien im WUK das Kunst-und Theaterfestival „sex matters“ für einen ehrlichen und offenen Dialog über das tabuisierte Thema Sexualität. Darauf hinarbeitend veranstaltet das TdU Wien außerdem die Workshopreihe „Sex Acts“, in der Jugendliche mit Zeitungstheater die öffentliche Darstellung von Sexualität performativ umsetzen können. Hierzu existiert eine eigene Publikation.

2015/2016 veranstalten Theaterpraktizierende des TdU Wien, Magdalena Hanke, Rosalie Schiffer und Joschka Köck, gemeinsam mit Birgit Fritz in Kooperation mit dem Paolo Freire Zentrum die Multiplikator_innenfortbildung „Theater in Aktion“. Außerdem wird 2015 die Tradition wieder aufgenommen, international renommierte Praktizierende des TdU einzuladen, um Workshops zu geben, dazu zählen u.a. Evan Hastings (USA/Indien), Mark Weinberg und Jenny Wanasek (USA), Amit Ron, Uri Shani (beide Israel) und Ronald Matthijsen (Niederlande). Unter dem Dach des TdU Wien gründet sich eine weitere Theatergruppe: Bei „EMILE“ beschäftigen sich Lehramtsanwärter_innen mit dem Einsatz von Theater in Schulen.
2017 entsteht in der Theatergruppe „Das ReflActiv“ eine Produktion zum Thema CARE-Arbeit (work in progress). Außerdem formiert sich das Team neu und arbeitet u.a. in der Wiener Jugendarbeit, geplant sind u.a. Projekte in Gemeindebauten, die an die Frühzeit des Vereins anknüpfen.
So refokussiert sich die Arbeit des TdU Wien mit dem neuen Team wieder rund um die Konzeption und Durchführung Community-Theater-Projekte sowie eigener Theaterworkshops.